Gedanken zur Wertschätzung eines Strassenkünstlers. Wollen wir wirklich alle nur Geld oder doch lieber Anerkennung?
Ich bin unterwegs in der Schweiz – ohne Bewilligung. Ich schaue, dass ich für mich bleibe, singe zu meinen Liedern und versuche, etwas gegen die spürbare Ablehnung zu tun. Mein Musik-Bingo scheitert: Die Leute wiegeln ab, ein kurzes „Nein, danke“. Dabei will ich ins Gespräch kommen. Die Musikpartei fordert das System heraus. Politische Auftritte werden erschwert
Dagegen hilft der Rechtsweg, der begangen werden wird. Doch zuerst braucht es eine rekursfähige Verfügung, die ich angefordert habe
Am Ende zählt oft nur das Geld. Viele Künstler – und auch Überlebenskünstler – gehen aktiv auf die Menschen zu, um abzukassieren. Das nervt. Der Staat schaut darauf, dass das Überleben gesichert ist, doch dafür muss man kooperieren. Und das wird von vielen als Bevormundung abgelehnt.
Artikel in der Aargauer Zeitung über zuviel Strassenkünstler
Geld ist ein heikles Thema. Ich stelle meistens einfach einen Korb mit meinen Autogrammkarten auf. Am liebsten gebe ich Autogramme; so lernen die Passanten meine Website kennen und können mehr über meine Lieder erfahren.
Eine Kollegin hat mir das empfohlen, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, meine Arbeit wertzuschätzen. An einem Samstagmittag in St. Gallen liegen nach einer Stunde Liedvortrag genau CHF 1.30 im Korb. Ein Gespräch kommt nie zustande, die Leute laufen rasch weiter. Es wirkt eher wie eine Entsorgung von 5- und 10-Rappen-Münzen.
Bargeld ist rückläufig, doch wer etwas geben möchte, kann in der Schweiz problemlos twinten. Das passiert mir einmal: Jemand möchte einer jungen Frau Geld geben und twintet mir CHF 5.–, die ich ihr dann weitergebe.
Was machen wir eigentlich mit Bettlern? Viele überbrücken so ihre Zeit, sind Teil des öffentlichen Lebens und suchen womöglich nach kleinen Erfolgserlebnissen. Ich versuche manchmal, ein Gespräch anzufangen, doch der Bettler zieht schnell weiter.
Bettler kommen auch aus dem Ausland, denn die Schweiz gilt als reiches Land. Dabei ist Betteln ein Menschenrecht – eine Möglichkeit, auf die eigene Notlage aufmerksam zu machen und Hilfe einzufordern. Hinweise dazu gibt es auch auf meiner Liedermacher-Website, denn die SBB greift gegen Bettelei durch
Der Staat kann allerdings nur denjenigen helfen, die hier wohnen. Bei allen anderen ist er chancenlos. Die Hilfe müsste im Heimatland angefordert werden, doch das ist oft aussichtslos.
Geld gilt in unserer Gesellschaft als Form der Anerkennung. Fehlt es den Passanten wirklich an Geld? Es ist wohl eher die Grosszügigkeit, die fehlt. In St. Gallen hört mir Rolf zu, ein Käser. Ich setze mich zu ihm an den Tisch, und er kramt CHF 1.80 heraus.
Nun leiste ich mir eine heiße Schokolade. Der Bedienung habe ich vorher eine Swatch-Uhr in Originalverpackung geschenkt. Als ich die heisse Schokolade bestelle, verweise ich auf mein Gesamteinkommen von CHF 3.10 für eine Stunde Auftritt auf dem St. Galler Marktplatz.Sie meint, sie könne nicht helfen, der Chef sei nicht da. Mein Geschenk hat sie wahrscheinlich nicht einmal richtig angeschaut.
Aber es war meine spontane Entscheidung, etwas zu geben. Diese eigene Grosszügigkeit lasse ich mir nicht nehmen – auch wenn Geiz, oberflächliche Begegnungen und fehlende Anerkennung heute zum Alltag gehören. Die Menschlichkeit leidet, wenn für die meisten nur noch das Geld zählt. Geld motiviert zwar, aber ich muss mich immer wieder aufs Neue darum bemühen, mich von diesem Denken zu befreien.
Rechtlich tut sich etwas bei diesem Thema: Der Kanton Zürich muss sein bisheriges pauschales Bettelverbot anpassen. Ausgelöst durch Grundsatzurteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) gilt die Rechtsauslegung, dass Armut sichtbar sein muss, damit sie überhaupt bekämpft werden kann. Betteln ist somit grundsätzlich erlaubt.
Mitteilung vom Regierungsrat Zürich
Verboten bleibt es jedoch an «öffentlich sensiblen Räumen» – beispielsweise bei ÖV-Haltestellen, Billettautomaten, Bankomaten oder auf Märkten. Entscheidend bei der neuen Praxis ist vor allem der behördliche Umgang: Wenn jemand bettelt, soll die Polizei nicht mehr direkt eine Ordnungsbusse ausstellen, sondern primär eine Wegweisung aussprechen. Erst bei einer Missachtung droht eine Geldstrafe. Bussen verschlimmern die Armut. Zudem kann auch gegen ein Wegweisung vorgegangen werden.
Am Ende bleibt die Frage: Hilft das Verdrängen von Armut aus den öffentlichen Raum? Verschieben wir damit nur das Problem? Verfehlen wir die Chance auf echte menschliche Begegnung? Was ist eure Meinung, warum gibt es so wenig Gespräch und warum wird immer nur Geld als Anerkennung wertgeschätzt?


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